Die Aids-Hilfe im Interview mit der Partnerbörse PositiveDates.org

"Sex ohne Kondom ist bei guter Therapie trotz HIV möglich"



Etwa drei bis fünf Prozent der Schwulen sind infiziert, unter Heterosexuellen sind es knapp ein Prozent. Die Diagnose, HIV-positiv, ja an Aids erkrankt zu sein, ist für viele ein Schock. Doch die Medikamente sind heutzutage so gut, dass das Leben kaum eingeschränkt wird. Heike Gronski (Foto unten) von der Deutschen Aids-Hilfe ist Referentin für das Leben mit HIV. Sie leitet die Abteilung Prävention und erklärt im Interview mit PositiveDates, wie man es nach dem positiven HIV-Test Freunden, Familie und Arbeitskollegen beibringt. Die Expertin erklärt, wann Infizierte wieder Sex ohne Kondom haben dürfen, wieso Zungenküsse kein Problem sind und was Infizierte beim One-Night-Stand beachten sollten.

 


PositiveDates.org: Viele Menschen, die eben erst durch einen Bluttest von ihrer Infektion mit dem HI-Virus erfahren haben, denken, dass sie bald sterben müssten. Wie lange kann ein Mensch ohne Therapie mit dem HI-Virus überleben?

Gronski: Das ist sehr unterschiedlich. Bevor es die hoch wirksamen HIV-Medikamente gab, brach die Krankheit Aids im Schnitt nach 8 bis 10 Jahren aus, der Tod trat dann meist 2 bis 4 Jahre später ein. Aber dazu muss es heute glücklicherweise nicht mehr kommen. Menschen mit HIV haben jetzt eine fast normale Lebenserwartung.

PositiveDates.org: Wie können Ärzte den Patienten nach einem positiven HIV-Test helfen, welche Formen der Therapie gibt es für sie?

Gronski: HIV-Medikamente verhindern, dass sich die Viren im Körper des Patienten weiter vermehren. Das Virus schleust sich ja in die Zellen ein und programmiert sie so um, dass sie neue HI-Viren produzieren. Die Medikamente blockieren diesen Prozess an verschiedenen Stellen. Weil HIV sehr mutationsfreudig ist und gegen ein einzelnes Medikament schnell unempfindlich wird, werden meist drei Medikamente kombiniert.

PositiveDates.org: Und das eigene Immunsystem kann das HI-Virus nicht bekämpfen?

Gronski: Das Immunsystem reagiert auf das Virus, kann es aber auf Dauer nicht in Schach halten oder beseitigen. Ohne Therapie wird es immer schwächer und kann dann auch gegen viele andere Krankheitserreger nichts mehr ausrichten. Die Medikamente sorgen dafür, dass das Immunsystem normal weiter arbeiten kann. Man kann das Virus bisher nicht wieder aus dem Körper entfernen, die HIV-Infektion ist also nicht heilbar. Deshalb muss man die Medikamente dauerhaft nehmen.

PositiveDates.org: Gibt es Nebenwirkungen der HIV-Medikamente?

Gronski: Vor allem am Anfang einer Therapie kann es zu Nebenwirkungen wie Durchfall, Kopfschmerzen oder Übelkeit kommen. Das gibt sich aber meist mit der Zeit wieder. Bleiben die Nebenwirkungen bestehen, kann man heute fast immer auf andere Medikamente umsteigen. Die meisten Menschen mit HIV haben darum keine oder nur geringfügige Nebenwirkungen. Wichtig ist, sich regelmäßig untersuchen zu lassen, denn manche Medikamente können auch Langzeitschäden verursachen, wenn man nicht rechtzeitig wechselt.

PositiveDates.org: Was kann denn die beste Therapie erreichen?

Gronski: Eine annähernd normale Lebenserwartung. Normalerweise lässt sich das Virus nach einiger Zeit mit den üblichen Methoden nicht mehr nachweisen. Wer dauerhaft „unter der Nachweisgrenze“ ist, kann HIV auch nicht mehr weitergeben.

PositiveDates.org: Seit wann ist die Möglichkeit zu einer Therapie so gut?

Gronski: Mitte der 90er Jahre hat man angefangen, verschiedene Medikamente zu kombinieren. Seitdem sind die Präparate noch wirkungsvoller geworden und haben heute viel weniger Nebenwirkungen als damals. 2011 hat eine Studie bewiesen, dass die HIV-Therapie mindestens so zuverlässig vor einer HIV-Übertragung schützt wie Kondome. Viele Menschen wissen das noch nicht.

PositiveDates.org: Ab wann ist denn Geschlechtsverkehr ohne Präservativ möglich, ohne dass ein gesunder Partner Gefahr läuft, sich anzustecken?

Gronski: Etwa drei Monaten nach Beginn der Therapie sind oft schon keine Viren mehr nachweisbar, fast immer dann nach sechs Monaten. Wer sich auf die Schutzwirkung der Therapie verlassen möchte, sollte mit dem behandelnden Arzt klären, ob die Bedingungen dafür gegeben sind. Es sollte mindestens ein halbes Jahr kein Virus mehr nachweisbar sein.

PositiveDates.org: Also kann ein Infizierter seinen Partner auch nicht durch einen Zungenkuss anstecken...

Gronski: Nein! Auch ohne Therapie besteht bei Zungenküssen keinerlei Gefahr: Im Speichel sind zu wenige Viren, außerdem enthält er virushemmende Stoffe. Also bitte keine Angst vorm Küssen!

PositiveDates.org: Wie kann man trotz HI-Virus sicheren Sex mit einem gesunden Partner haben?

Gronski: Im Zweifel bieten Kondome einen sehr zuverlässigen Schutz. Wenn ein HIV-positiver Mensch eine gut funktionierende Therapie erhält, sich regelmäßig medizinisch untersuchen lässt und das Virus dauerhaft nicht mehr nachweisbar ist, dann kann man wie gesagt auch ohne Kondom Sex haben. Man nennt das Schutz durch Therapie.

PositiveDates.org: Was heißt „sich regelmäßig untersuchen lassen“?

Gronski: Menschen mit HIV gehen normalerweise einmal im Vierteljahr zum Routine-Check der Blutwerte. Da wird überprüft, ob das Virus weiterhin unter Kontrolle ist.

PositiveDates.org: Gibt es Dinge im Bett, die ein Paar nicht mehr tun darf, wenn der Mann oder die Frau HIV-positiv ist?

Gronski: Die wichtigste Safer-Sex-Regel lautet: Wenn der oder die Positive noch nicht unter der Nachweisgrenze ist, sollte man beim Geschlechtsverkehr ein Kondom benutzen. Das schützt übrigens auch bis zu einem gewissen Grad vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Und man sollte kein Sperma in den Mund gelangen lassen.

PositiveDates.org: Was ist mit härteren Praktiken beim Sadomaso-Sex?

Gronski: Ein Risiko entsteht, wenn’s blutet. Gelangt Blut in eine Wunde oder auf eine Schleimhaut, kann HIV übertragen werden. Beim Fisten empfehlen wir Handschuhe, vor allem wegen des Risikos einer Hepatitis-C-Übertragung durch kleine Wunden. Eine HIV-Übertragung ist auch möglich, aber nicht so wahrscheinlich.

PositiveDates.org: Können denn zwei Menschen, die beide den HI-Virus in sich tragen, ungeschützten Geschlechtsverkehr haben oder ist es dabei möglich, dass sich die Erkrankung verschlimmert?

Gronski: Theoretisch kann man sich dabei mit weiteren Virusvarianten infizieren. Das scheint aber in der Praxis meist kaum Auswirkungen auf den Gesundheitszustand zu haben. Man kann sich allerdings auch Viren einfangen, die gegen bestimmte HIV-Medikamente schon unempfindlich sind. Wir empfehlen deshalb, weiter Kondome zu verwenden, wenn beide Partner noch keine HIV-Medikamente nehmen. Ist mindestens einer der beiden auf Therapie, kann keine Übertragung mehr stattfinden.

PositiveDates.org: Was sollte man tun, wenn das Gummi beim Sex reißt?

Gronski: Wenn ein Partner HIV-positiv und noch nicht unter Therapie ist, dann gibt es die sogenannte Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP. Der Nicht-Infizierte nimmt dabei prophylaktisch für einen Monat HIV-Medikamente. Das sollte man so schnell wie möglich machen, allerspätestens 48 Stunden nach dem Unfall mit dem Kondom. Es gibt Ambulanzen, die rund um die Uhr erreichbar sind, auch in den meisten auf HIV spezialisierten Praxen bekommt man die PEP.

PositiveDates.org: Viele Paare haben einen Kinderwunsch. Ist es möglich, trotz HIV-Infektion eines Partners ein gesundes Kind zu bekommen?

Gronski: Ja, solche Paare können ganz normal Kinder zeugen und HIV-positive Frauen können die Kinder auch auf natürlichem Wege zur Welt bringen. Voraussetzung ist auch hier eine gut wirksame HIV-Therapie. Das Neugeborene erhält sicherheitshalber zusätzlich eine Prophylaxe. Man sollte sich auf jeden Fall von Ärztinnen oder Ärzten beraten lassen, die auf das Thema spezialisiert sind.

PositiveDates.org: Hat ein Infizierter die Pflicht, andere von seiner Infektion zu informieren - muss man etwa seinen Flirt bei einem One-Night-Stand gesetzlich gesehen über eine HIV-Infektion aufklären?

Gronski: Nein, gesetzlich gesehen muss man überhaupt niemandem von der HIV-Infektion erzählen. Beim Sex ist man allerdings verpflichtet, den anderen entweder zu schützen, zum Beispiel durch ein Kondom, oder zu informieren. Anders formuliert: Wer ein Kondom benutzt, muss nichts sagen. Im Moment gibt es noch eine kleine Rechtsunsicherheit: Eine gut wirksame Therapie schützt den Partner oder die Partnerin ja auch – aber Gerichte erkennen das im Streitfall noch nicht zuverlässig an.

PositiveDates.org: Und auch den Arbeitgeber muss man nicht informieren?

Gronski: Nein. Allerdings gibt es einige Länder auf der Welt, in die man mit HIV nicht einreisen darf, beispielsweise Jemen oder Saudi-Arabien. Diese Länder verlangen oft für ein Arbeitsvisum oder die berufliche Einreise einen negativen HIV-Test. Wenn ein Job verlangt, dass man in diese Länder reist, dann ist man für diesen Job leider nicht geeignet.

PositiveDates.org: Gibt es denn bestimmte Berufe wie Koch oder Arzt, die ein Mensch mit HIV nicht mehr ausüben darf?

Gronski: Nein, Menschen mit HIV können in jedem Job arbeiten. Es gibt nur ein sehr kleines Gebiet ärztlicher Tätigkeiten, die man nicht ausführen darf. Beispielsweise bestimmte chirurgische Eingriffe, bei denen für Operierende eine höhere Verletzungsgefahr besteht. Bei Ärzten werden übrigens oft routinemäßig HIV-Tests gemacht. Ein positives Ergebnis ist aber kein Grund zur Kündigung. Im Arbeitsalltag kann HIV nicht übertragen werden, das gilt für Ärzte wie für Köche oder Metzger.

PositiveDates.org: Wenn das heute alles so fortgeschritten ist, wieso erfahren dann so viele HIV-Positive Ablehnung?

Gronski: Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Zunächst hat eine HIV-Infektion etwas mit Sexualität, Homosexualität oder mit Drogen zu tun. Das sind immer noch Tabuthemen. Manche Menschen denken nach wie vor: Diese „Arschficker“ und „Junkies“ sind doch selbst schuld. Eine andere Sache ist: Die Leute haben Angst, sich zu infizieren. Auch wenn sie wissen, dass das im Alltag nicht passieren kann, halten sie Menschen mit HIV sicherheitshalber lieber auf Abstand. So entsteht Ausgrenzung. In den 80er Jahren sind viele Menschen sehr elendig und jung gestorben, die Bilder sind vielen Leuten noch im Kopf, man hat Angst davor. Dabei kann man heute HIV zwar nicht heilen, aber sehr gut damit leben.

PositiveDates.org: Welche Tipps haben Sie für Menschen, die ihren Freunden und Kollegen von ihrer Infektion erzählen wollen? Wie bringt man denen das am besten bei?

Gronski: Zum Üben ist es für manche hilfreich mit Menschen anzufangen, zu denen man keine allzu enge Bindung hat. Reagieren sie negativ, verletzt dies nicht so sehr. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass man die Information nicht mehr zurückziehen kann. Und man kann natürlich nicht sicher sein, dass die Information nicht weitererzählt wird. Wir empfehlen, in solchen Gesprächen auch zu besprechen, wie das Gegenüber jetzt mit seinem Wissen umgeht. Ist es wichtig, dass der andere es für sich behält oder bietet man an, dass er mit einer bestimmten Person darüber reden kann? Manche Menschen empfinden so eine Information als belastend und möchten mit anderen darüber reden dürfen.

PositiveDates.org: Was kann ich tun, wenn andere Menschen verunsichert reagieren oder sogar Angst haben?

Gronski: Es ist immer hilfreich, wenn man aktiv Informationen anbietet, zum Beispiel zu den Übertragungswegen und der HIV-Therapie. Vor allem sollte man deutlich machen, dass man heute mit HIV gut leben kann. Auf so ein Gespräch sollte man sich vorbereiten und ein paar Broschüren oder Webadressen bereithalten. Das Wichtigste steht zum Beispiel auf der Internetseite der Aids-Hilfe.

PositiveDates.org: Wo gibt es am meisten Probleme?

Gronski: Schwierig ist es oft im Arbeitsumfeld, das kann man sich ja nicht aussuchen. Es gibt viele Vorurteile. Der Chef denkt vielleicht, dass man oft krank wird oder nicht so leistungsfähig ist. Die Arbeitskollegen fragen sich, ob man im Büro noch dieselbe Toilette oder Kaffeetasse benutzen kann. Da stehen oft irrationale Ängste dahinter. Man muss dann einfach viel drüber reden, dass es kein Übertragungsrisiko gibt, vielleicht auch Infobroschüren mit zur Arbeit nehmen.

PositiveDates.org: Ist es für Infizierte leichter, mit einem ebenfalls infizierten Partner zusammenzuleben?

Gronski: Ja, die Erfahrung machen wir oft. Viele suchen ihren Partner in diesem Umfeld, um Zurückweisungen aus dem Weg zu gehen. Das mag leichter sein, weil bestimmte Diskussionen nicht auftauchen. Es gibt aber auch viele glückliche „gemischte“ Paare. Wenn man die wesentlichen Fragen einmal geklärt hat, muss HIV im Alltag keine große Rolle mehr spielen. Das Grundproblem einer HIV-Infektion ist heute kein medizinisches mehr – sondern ein soziales.

PositiveDates.org: Sie helfen mit, das soziale Stigma zu eliminieren. Danke für das Gespräch, Frau Gronski.


Informationen über die Aids-Hilfe gibt es hier.
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Wer mehr rund um das Thema HIV erfahren möchte, liest hier weiter. Dort erklärt ein HIV-Forscher die Vor- und Nachteile einer neuen Pille, die gesunde Menschen beim Sex mit HIV-positiven wirksam vor einer Infektion schützen kann.